Sommerlicht: Strategien für Videofilmer – Sommer, Sonne, Schattenspiele

Hurra Sommer und Sommerlicht! Lichtdurchflutete Landschaft, Sonne auf der Haut und Wind in den Haaren. Dazu das wunderbare Lebensgefühl nach monatelangem Dauerfrösteln und einem grauen, öden Winter. Super!

Inhaltsverzeichnis

Allerdings fordert uns das Sommerlicht sowohl dramaturgisch als auch kameratechnisch ein paar Entscheidungen ab, die wir bewusst und mit Umsicht treffen sollten. Wenn nicht, dann bleibt das Ergebnis unserer Aufnahmearbeit im besten Fall ein geglücktes Zufallsprodukt; in den meisten Fällen dagegen wahrscheinlich nur Footage für den Kübel. Strategien, wie du unbrauchbare Ergebnisse und Enttäuschungen vermeiden kannst, gehe ich mit den kommenden Punkten für dich zum Nachlesen durch.

Und weil ich in meiner langen Tätigkeit beim Fernsehen und in der freien Videoproduktion fast keinen Fehler ausgelassen habe, schildere ich meine Hoppala-Erfahrungen im Zusammenhang mit Lichtgestaltung im Sommer gleich mit. (Die zeigen zwar die Ausgangssituation der Problemstellung; aber zum Verständnis der Lösungsvorschläge musst du sie nicht lesen. Du erkennst sie daran, dass sie kursiv gesetzt und grau hinterlegt sind).

Sonnenuntergangsstimmung
Spektakuläre Lichteffekte in der Natur strahlen Wärme und Geborgenheit aus. Verständlich, dass wir diese Fülle an Eindrücken für unsere Videos nützen möchten.

Landschaft und Natur im Sommerlicht - Strategien für Videos

Auch wenn der Mensch – laut Evolution – ein Teil der Natur ist, gibt es doch ziemliche Unterschiede, ob ich eine Landschaft, einen Garten, eine Stadt oder eine Person filme. Eine Landschaft hält still, ist meist nicht eitel und verlangt nicht, vor einem für sie wichtigen Hintergrund gefilmt zu werden. Eine Landschaft wehrt sich nicht dagegen, wenn ich mir den Blickwinkel aussuche und ich kann selbst entscheiden, welchen Ausschnitt ich wähle. Fein!

Trotzdem: auch die Landschaft fordert uns kameratechnisch und auch dramaturgisch einigermaßen heraus. In unserer Hand liegt es, ob und wie extrem wir gegen das Licht oder mit dem Licht filmen. Grundsätzlich würde man ja meinen, dass man am besten _mit_ dem Licht filmt. Also, das Licht im Rücken. Grundsätzlich eher ja. Aus belichtungstechnischen Gründen. Aber wo bleibt da die Plastizität? Was macht den Unterschied, ob ein Videobild flach wie eine Palatschinke ist oder strukturiert und plastisch?
Alter Hut: Mittag und Sonnenschein – bleib daheim! Sofern du es dir aussuchen kannst. Mittagslicht direkt von oben macht Dinge flach. Glänzende Flächen haben einen hohen Reflexionswert und überstrahlen gerne. Das Licht von mehr oder weniger _oben_ lässt wenig Plastizität zu. Der an sich begehrte „Sonnenschein mit blauem Himmel“ ist zur Tagesmitte für Kameraleute eher eine Tortur. Außer man will eine in der Hitze flirrende Landschaft in einer Totalen zeigen. Tipp: Nütze die Mittagszeit für Innenaufnahmen, Detailaufnahmen im Schatten. Wenn Du unter Sonnenschirmen (z.B. in Cafés) filmst, achte besonders auf den Weißabglich. Bunte Sonnenschirme und Markisen können die farbliche Anmutung ganz erheblich verändern.

Zwar schon lange her, aber noch immer schmerzlich in Erinnerung:

Ein kleines, feines Freiluft-Musikfestival auf einem kleinen Hügel nahe einem prominenten historischen Gebäude. Der Blick genial. Das Gebäude in stimmungsvollem Sonnenschein, der perfekte Hintergrund. Ein Statement des Organisators, selbst Musiker steht an. Der Platz, die Blickrichtung; könnten nicht besser sein. „Unmöglich!“ sagt der Kameramann. „Wenn wir ihn so filmen, wie du meinst, ist sein Gesicht im Schatten und wenn ich das Gebäude so belichte, dass man es im Hintergrund noch sehen soll, dann ist sein Gesicht schwarz!“
Was tun? Damals war noch die Zeit, in der TV-Teams HMI-Scheinwerfer mitgeführt haben. Starke Tageslichtscheinwerfer mit ein paar Minuten Vorlaufzeit bis sie ihre volle Leuchtstärke erreicht haben. „2 Mal 1800 HMI.“, sagt der Kameramann und mir schwant Böses. Freiluft Musikfestival. Hunderte Menschen laufen herum. Distanz zur nächsten Stromquelle mindestens 50 Meter. Kabel verlegen, Kabel sichern, Stative aufbauen, Scheinwerfer aufriggen. Der Gesprächspartner wird langsam nervös, weil er demnächst selber einen Auftritt hat. Als endlich das Vorschaltgerät die Scheinwerfer zünden soll, ist mit einem Schlag das ganze Festival ohne Strom. Hektik! Falscher Stromkreis. Peinlich! Die Hiwis vom Festival haben das Problem aber rasch in den Griff gekriegt und irgendwann haben unsere HMIs dann ihre volle Leuchtkraft entfaltet. Der Kameramann hat das Bild eingerichtet, ich habe den Gesprächspartner auf seinen Platz gestellt, ihm mit ein paar Taschentüchern dabei geholfen, den Schweiß abzuwischen und will ihm endlich die erste Frage stellen, als er sagt: „T’schuldigung, ich kann so nicht reden. Die Scheinwerfer blenden mich so!“ Und bei seinem verzwickten Gesicht glaube ich ihm das sofort.

Das Kapitel hat damit geendet, dass wir das Gespräch an einem anderen Platz, im Schatten und mit belanglosem Hintergrund aufgenommen haben. Der Interviewpartner hat – genervt wie er war – nur mehr nichtssagende Gemeinplätze abgesondert, Kameramann und Assistent waren sauer, weil sie in der Sommerhitze umsonst HMIs aufbauen mussten, das Publikum hat uns schief angesehen, weil wir den Stromanschluss lahmgelegt hatten und im Endeffekt ist dann nur ein nichtssagender Satz des Organisators auf Sendung gegangen. Aber irgendwie musste er ja einmal kurz im Bild auftauchen und was sagen. Noch heute werde ich rot, wenn ich nur daran denke!

Sommerlicht und Kontrastumfang - Strategien für Videos

So wenig es auch gemeinhin unseren Präferenzen behagt, aber diffuses Licht, also leicht bedeckter Himmel, lässt fast alles, was näher als eine Totale ist, plastischer erscheinen. Sofern man richtig belichtet und sich an den eher hellen Bereichen orientiert. D.h. dass die Blende eher geschlossen ist. Das Bild erscheint um die Spur dunkler und wirkt dadurch plastischer.

Eine Herausforderung ist generell der relativ geringe Kontrastumfang digitaler Kamerasensoren im Vergleich zu analogem Film, dessen Kontrastumfang etwa 10 Mal höher ist. Das birgt die Gefahr, dass bei korrekter Belichtung auf wichtige helle Bildbereiche, die dunklen Bereiche „absaufen“ und bei einer Belichtung auf mittlere und dunkle Bereiche die hellen Stellen im Bild abbrennen bzw. überstrahlen. In beiden Fällen ist in den jeweils extremen Bereichen keine Information mehr vorhanden, die man eventuell bei der Postproduktion noch herauskitzeln könnte. Aber KI wird wohl auch da ziemlich viel ändern. Abgesehen davon: korrekte Belichtung hat noch nie geschadet.

Wie man das macht? Zum Beispiel mit einem „Butterfly“. Das ist ein Rahmen, in den ein leichtes Gaze-Gewebe gespannt ist, das extreme Helligkeit abschirmt. Auf Lichtstativen oder von ausdauernder Assistent:innen-Hand gehalten dämpft er – über den hellsten Bereichen – die Helligkeit und mindert so die Helligkeitsextreme. Im schlimmsten Fall hilft sogar ein ausrangiertes Moskitonetz zwischen zwei langen Stangen.

Typisches, flaues Mittagslicht. Das an sich stark strukturierte Gelände gerät durch die Beleuchtung von oben zu einem belanglosen visuellen Brei ohne Akzente.

Die Wirkung des Butterfly ist aber nicht zu verwechseln mit der Wirkung eines ND-Filters. Dieser Graufilter lässt zwar weniger Licht an den Sensor; die Extremwerte zwischen Hell und Dunkel bleiben allerdings – verschoben um den ND-Filter-Wert – gleich.

Aber wenn wir schon beim ND-Filter sind: wozu ist denn der dann überhaupt gut, abgesehen davon, dass er uns vor Überbelichtung schützt?

Je weniger Licht ich an den Sensor bekomme, umso größer ist mein Spielraum mit der Blende. Wenn ich also bei hellem Außenlicht die Blende ganz schließen muss, habe ich naturgemäß die höchstmögliche Tiefenschärfe. Heißt: ich kann keine Bildteile durch Schärfebereiche als wichtig darstellen. Der ND-Filter kann uns einige Blendenstufen schenken und uns so ermöglichen, die Blende weiter zu öffnen und damit den Tiefenschärfebereich zu verkleinern. Heißt: nur das, was wichtig ist, bleibt scharf, der Rest – im Vorder- und im Hintergrund – versinkt in sanfter Unschärfe und erleichtert es unserem Publikum, wahrzunehmen, was Sache ist.

Mittagslicht in der Halbnahen. Das Bild hat keinen Sexappeal und wird lediglich als fad und nichtssagend empfunden
Licht und Schatten: Das sprichwörtliche Gegensatzpaar stellt uns technisch vor einige Herausforderungen. Helle Bereiche überstrahlen, dunkle saufen ab. Der Weg der Mitte ist oft schwer zu finden.

Morgen-, Nachmittags- und Abendlicht - Strategien für Videos

Kameraleute sollten es wie die Südländer halten. Wenn es geht: Siesta. Die Genussstunden für Kameraleute sind in der zeitigen Früh oder gegen Abend.
Ich erinnere mich an eine Landschaftsdoku fürs Fernsehen, die ich über das Ibmer Moor gemacht habe. Bis heute ist mir der zeitige Morgendreh zum Sonnenaufgang im Moor erinnerlich. Ich habe mich am Vorabend in einem lokalen Wirtshaus eingemietet um tatsächlich um 4 Uhr früh drehbereit zu sein. Meine Kamerafrau hat sensationelle Bilder mit Morgentau und Morgennebel-Schleiern in den Kasten bekommen. Dazu die ganze geflügelte Fauna mit ihren Balzgesängen. Ein junger Kollege, der Jahre später im Archiv die Bilder ausgehoben hat, war hin und weg vor Verzückung. Einer vom Aktuellen Dienst halt, der bloß Autounfälle ablichten hat lassen und mit Bildgestaltung nichts am Hut gehabt hat. Immerhin hat er da gesehen, was es noch gibt in der TV-Bildwelt.

 

Scharfes Gegenlicht mit hohen Kontrastwerten ergibt ein scherenschnittartiges Bild. Sobald Wolken und Vordergrund im Blickfeld sind, ist die meditative Stimmung dahin

Aber sogar die wunderbaren Morgen- Nachmittags und Abendstunden bergen ihre Herausforderungen. Der Urlaubs-Standard „Sonnenuntergang über am Meer“ funktioniert halt nur am Meer. In unseren Breiten ergibt sich da im schlimmsten Fall ein Scherenschnitt, der noch dazu linienaktiv, damit tendenziell aufregend ist und keineswegs meditative Ruhe und Beschaulichkeit transportieren kann. (Mehr dazu im entsprechenden Blogartikel vermutlich ab September/Oktober 2024).

 

Abendlicht. Türkei, Nähe Izmir. Einen Monat lang habe ich ein Keramik-Symposion österreichischer Künstler:innen mit der Kamera verfolgt. Der Besitzer der traditionell arbeitenden Ziegelei, in der das Symposium stattgefunden hat, soll sein statement of motivation abgeben. Tolles tief stehendes natürliches Abendlicht. Unübertroffen. Golden ist das Gesicht des Mäzens von den letzten Sonnenstrahlen geküsst. Er ist bereit, die Kamera ist bereit. Alles passt. Kamera läuft. Aber in immer höherer Frequenz laufen Leute durch das tief stehende Licht. Anfangs nur kurze Verdunkelungen des Gesichts, schließlich findet kein Strahl der tief stehenden Sonne mehr den Weg auf das Gesicht des Sprechenden, weil alle neugierig im Halbkreis herumstehen und die letzten Sonnenstrahlen abblocken. Na super!

Wiederholung am nächsten Tag. Bei weitem nicht mehr so authentisch. Diesmal aber mit Absperrung, damit uns niemand mehr durch’s Sonnenlicht läuft.

Lektion schmerzhaft gelernt

Sobald die Sonenstrahlen die Oberfläche des Objektivs berühren, legt sich ein Schleier über das Bild und lässt es flau erscheinen. Abhilfe schafft gezielte und präzise Abschattung.

Natürlich gilt die Regel, dass tiefes Licht von der Seite tendenziell Plastizität und räumliche Tiefe schafft. Alles wunderbar! Nur eben bewegt sich die Sonne und wenn sie irgendwann in einen flachen Winkel zu unserem Objektiv gerät oder unser Objektiv zu ihr, dann passieren zwei Dinge: zuerst wird das Bild flau und flach. Die „Goldene Stunde“ verpasst sich dann einen Schleier, der den Blick ein wenig vernebelt. Kann man natürlich gestalterisch nützen, wenn es die Bilddramaturgie sinnvoll erscheinen lässt.
Als zweite Unerfreulichkeit schleichen sich Lens Flares ins Bild. Das sind Reflexionen im inneren des Objektivs, die sich an den Oberflächen der darin befindlichen Linsen bilden. Kann man zwar auch gestalterisch nützen, sind aber in den meisten Fällen störend. Abhilfe schafft in beiden Fällen ein:e Assistent:in mit ruhiger Hand oder eine „French Flag“, die die direkte Sonneneinstrahlung auf das Objektiv abschirmt, sodass die Linse knapp im Schatten ist, der Blickwinkel allerdings nicht eingeschränkt wird. Kann manchmal kitzlig sein, aber es zahlt sich aus und man lernt mit der Zeit.

Wenn die Sonnenstrahlen tiefer in das Objektiv eindringen und tiefer liegende Linsen erreichen, reflektieren deren Oberflächen und erzeugen "Lens Flares" (links unten). In den allermeisten Fällen unerwünscht.
Hier bringt ein leichter "Lens Flare" einen Aspekt der Frische ins Bild ohne die eigentliche Bildinformation zu verdecken. Eher wird sie sogar unterstützt.
Abend- oder Nachmittagslicht bringt neben längeren Schatten und damit dunklen Akzenten mehr Dynamik ins Bild, ohne die Ruhe zu stören. Ein jüdischer Friedhof in Tschechien.

Ein Schaugarten in Niederösterreich. Ich führe Regie bei einer Gartensendung, in der immer wieder prominente Persönlichkeiten auftreten und mit dem Moderator über ihre Gartenphilosophie plaudern. Der Produzent möchte das Gespräch in einer Gartenarena gefilmt haben.

„Perfekt!“, denke ich. Strahlender Sonnenschein, der lichte Schatten hell belaubter Bäume, der im zarten Windhauch osziliert. Das Setting stimmungsvoll, die Kameras eingerichtet, die Gesprächsteilnehmer lockern sich schon auf. Ein letzter Blick in den Kontrollmonitor vor dem „Bitte los!“. Die Kameraleute und ich starren fassungslos auf das Monitorbild. Die Nahaufnahmen der Gesichter sehen aus, als würden sie in einer Disco oder in einer Geisterbahn gefilmt. Schatten huschen über die Gesichter, lassen sie unnatürlich verzerrt, fast grimassierend aussehen.

„Butterfly!“ ruft der Cheftechniker. Den Gesprächsteilnehmern gefriert das Lächeln im Gesicht. Das wird dauern!

 

Frühes Nachmittagslicht mit leichter Gegenlicht-Komponente bringt mehr Dynamik ins Bild uns lässt es lebendiger aussehen als ein flaues Mittagsbild.

Ein „Butterfly“ ist ein mehr oder weniger lichtdurchlässiges, zartes Gewebe, das in einen mitunter recht großen Rahmen gespannt ist, zwischen zwei Stative montiert und in der entsprechenden Höhe justiert, das Sonnenlicht entschärft und somit die Kontraste zwischen Licht und Schatten mildert. Natürlich bieten diese Konstruktionen eine enorme Windangriffsfläche. Die Stative müssen daher mit Sandsäcken und/oder Personen gesichert werden, sonst landet beim leichtesten Windstoß die ganze Angelegenheit in der Szenerie.

Was die lange Aufbauzeit für die Spontaneität in der Gesprächsführung bedeutet kann man sich auch mit wenig Phantasie ausmalen. Abgesehen davon bringen solche – nicht rechtzeitig bedachten – Situationen die strengen Produktionszeitvorgaben ordentlich durcheinander.

Manchmal ein wenig problematisch: lichter Schatten von Bäumen. Helle Bereiche überstrahlen gern und bei leichtem Wind können die Licht- und Schattenreflexe verzerrende Muster auf die Gesichter gefilmter Personen werfen. Da hilft nur ein "Butterfly".

Sommerlicht und Menschen - Strategien für Videos

Ganz anders verhält sich die Angelegenheit mit Menschen vor der Kamera. Abgesehen von Blickrichtungen und der Tatsache, dass „gelesen“ wird was im Bild (-hintergrund) zu sehen ist, ergeben sich mit Personen zusätzliche Herausforderungen.

Sonne im Gesicht oder Sonne im Rücken? Oder Sonne von der Seite und/oder von oben? „Immer schwierig!“, würde ich sagen.

Welche Probleme ergeben sich? Sonne im Rücken heißt, dass der Hintergrund tendenziell hell ist und das Gesicht im Schatten… „Schwarz im Gesicht!“, sagten meine Kameraleute. Was hilft? Aufhellen mit Scheinwerfern oder mit Reflektoren. Scheinwerfer, auch gängige Flächenleuchten sind da oft zu schwach um gegen direktes Sonnenlicht anzutreten. Außerdem sind sie unangenehm für die interviewte Person. Abhilfe schaffen mitunter Reflektoren, die das Gesicht oder zumindest die Augenpartie von der Seite mit Sonnenlicht aufhellen. Warum gerade „Augenpartie“? Weil es die Augen sind, die über die Glaubwürdigkeit einer Aussage entscheiden. Unser Publikum glaubt Menschen mehr, wenn sie deren Augen sehen.

Was das – abgesehen von Spielfilmszenen – für Sonnenbrillen bedeutet, muss jede/r für sich beantworten.

Wenn man es nicht vermeiden kann, Personen in der prallen Sonne zu filmen, kann das hier passieren: sie sind "schwarz im Gesicht"...
...in diesem Fall kann man sich mit einer kräftigen Aufhellung behelfen. Wie "glücklich" die Betroffenen darüber sind, sieht man an ihren zugekniffenen Augen.

Die andere Variante: Sonne im Gesicht. Ebenfalls nur schwer erträglich. Ich habe in meinem Fundus an missratenen Bildern leider kein Bild eines geblendeten, zwinselnden Gegenübers gefunden. Aber du wirst dir das wohl vorstellen können: Augenbrauen tief, Backenmuskulatur hoch, die Lider sind schmale Wülste dazwischen. Dazu noch der Mund zu einer Grimasse verzogen, die Lippen schmal und zusammengepresst. Das ist nicht das Bild einer sympathischen, kompetenten und vertrauenerweckenden Auskunftsperson. Also lassen wir das wohl lieber bleiben.

Bleibt das Licht von der Seite. Honigfarben, golden fließt es über das Gesicht unseres Gegenübers. Wir sind in die Auseinandersetzung mit der Person, die uns gegenüber steht oder sitzt, vertieft. Wir versuchen, das innere Wesen, die Verfasstheit, die Spannung der Person abzuschätzen. Das äußere Erscheinungsbild ist für uns in diesem Moment eher nebensächlich. Immerhin wollen wir ein ehrliches, tiefschürfendes Gespräch mit der Person führen. „Phantom der Oper!“, sagt dann, wenn wir Glück haben, ein Kameramann oder jemand, der sich um die ästhetische Seite des Bildes kümmert. Tatsächlich! Schlagschatten entstellen das Gesicht, verzerren die feinen Regungen, von denen wir gehofft haben, sie im Gespräch vermitteln zu können. Es ist eine Ungerechtigkeit der abgebildeten Person gegenüber, ein „Meuchelbild“ wie dieses zu publizieren. Was hilft? In milden Fällen „Butterfly“, in schweren Fällen Ortswechsel in den Schatten mit einem von der Lichtintensität indifferenten Hintergrund und ein Aufhell-Licht. Elektrisch oder per Reflektor.

Und wer sich das Leben überhaupt leichter machen möchte, der plant Interviews von vorne herein im Schatten. Das spart Zeit, Nerven und unzufriedene Interviewgäste

Solche Schlagschatten im Gesicht sind eine Zumutung für die abgebildete Person und ein Zeugnis von Gleichgültigkeit und Schlampigkeit der Kameraleute und Produzenten.

Schlussgedanke

„Wir filmen mit Available Light“, ist häufig die Ansage, wenn es um low budget Produktionen geht. Eh klar! Man erspart sich teures Licht-Equipment, etwaige Aufbauzeiten und vor allem Personal vor Ort, das die Dinger aufbaut, hält, sichert. Glaubt man!

Alles recht und schön! Aber zu glauben, dass man sich durch den Verzicht auf Licht-Equipment und Licht-Former bei Beibehaltung eines angemessenen Qualitätsanspruchs auch nur eine Kleinigkeit erspart, halte ich für eine Milchmädchenrechnung. Alles, was ich an Material- und Personaleinsatz spare, muss ich durch Organisation und Gestaltungsüberlegung kompensieren.
Klar, wenn ich ohnehin eine trashige Geschichte mit Blitzern, Flares, pumpenden Blendenautomatiken, über- und unterbelichteten Sequenzen produzieren möchte und ich mich ohnehin wie der Erfinder des Bewegtbildes überhaupt fühle und „kreative Bildgestaltung“ in meinem Portfolio stehen habe, dann nur zu!

Es entstehen sicherlich irgendwelche bunten und bewegten Bilder. Irgendwelche halt. Aber ob das mit visuellem Storytelling zu tun hat? Bin mir da nicht so sicher…

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Christian Schrenk

Christian Schrenk ist Diener zweier Katzen und arbeitet seit seiner Jugend mit audiovisuellen Medien. Davon mehr als 30 Jahre für den ORF. Bildbedeutung und Bildwirkung sind seine Obsession. Er hat Film- und Drehbuchpreise sowie Preise für transdisziplinäre Projekte im Bereich Bildung, Kunst und Soziales erhalten und ist Träger der Kulturmedaille der Stadt Linz. Er hat die Hände gern in der Erde seines Gartens, betrachtet als Pilot aber auch die Welt von oben und erhält/restauriert klassische Fahrzeuge der 1960er und 1970er-Jahre.

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